Alexander Bauer: Nein. Seine Kritik ist zu pauschal und in der Form völlig inakzeptabel. Natürlich haben wir bei der Integration ausländischer Mitbürger große Probleme. Die darf man auch offen ansprechen. Es wäre aber nur fair und vernünftig auch auf die Chancen zu verweisen, auf die Bereicherung durch Migranten und auf die mittlerweile auch von Teilen der Wirtschaft immer stärker geforderte kontrollierte Zuwanderung in speziellen Arbeitsbereichen.
Frage: Wie erklären Sie sich die teilweise verbreitete Zustimmung zu seinen Thesen?
Bauer: Ich habe das Buch nicht gelesen und will mich deshalb zurückhalten. Mir ist aber bekannt, dass Sarrazin mit Prognosen und Hypothesen arbeitet, die in der Fachwelt umstritten sind. Besonders seine Aussagen zur Vererbbarkeit von Intelligenz sind völlig haltlos. Ein Baby von türkischen Eltern ist nicht dümmer als ein Baby von deutschen Eltern. Entscheidend sind die frühe Förderung und auch die anregende Unterstützung von Elternhaus und sozialem Umfeld. Hier versagen häufig ausländische Eltern, weil ihnen das Wissen und die Kompetenz fehlen. Das gilt aber auch zunehmend für deutsche Eltern.
Frage: Aber es gibt doch offensichtlich Probleme bei der Integration ausländischer Mitbürger?
Bauer: Ja, einige. Migranten haben im Vergleich zur deutschen Bevölkerung niedrigere Bildungsabschlüsse, sind häufiger arbeitslos und beziehen deshalb öfter und länger staatliche Unterstützung. Dazu kommen Probleme im Bereich der Kriminalität, Ängste im Bezug auf den Islam und die Gefahren durch radikale Fanatiker. Hier muss an Lösungen gearbeitet werden und zwar von beiden Seiten. Wer hier friedlich und dauerhaft leben und arbeiten möchte, sollte willkommen sein. Er hat dann freilich auch eine Bringschuld. Das sind zunächst die deutsche Sprache und die uneingeschränkte Akzeptanz unserer Gesetze und Grundwerte. Es muss unser aller Interesse sein, dass Integration besser gelingt. Das ist volkswirtschaftlich sinnvoll und auch gesellschaftspolitisch geboten.
Frage: Sie arbeiten im Landtag in diesem Themengebiet. Wo sehen Sie im Bereich der Integration die größten Herausforderungen?
Bauer: Der Hessische Landtag berät und analysiert seit knapp einem Jahr in einer Sonderkommission mit zahlreichen Experten die Probleme und Herausforderungen in unterschiedlichen Bereichen. Wir arbeiten aber auch an Wegen für ein besseres Miteinader. Bildung ist der Schlüssel für sozialen Aufstieg. Das gilt für alle. Hier gilt es Migranten zu fördern, aber auch zu fordern. Wer hier leben will muss ausreichend Deutsch können. Im Bereich der Zuwanderung brauchen wir eine klare arbeitsmarktorientierte Steuerung. Wer hier bleiben will, muss ausreichend qualifiziert sein, um arbeiten zu können und dann auch arbeiten zu dürfen, damit er seinen Lebensunterhalt selbst verdient.
Frage: Haben die Äußerungen von Thilo Sarrazin nicht eine wichtige Debatte angestoßen?
Bauer: Es ist sicher gut, dass über diese gesellschaftspolitische Herausforderung diskutiert und gesprochen wird. Aber nicht als Provokation. Die Integrationsprobleme, die Sarrazin anspricht, sind ja nicht neu. Sie beginnen in der Zeit des „Wirtschaftswunders“, als Deutschland in den 1950 und 60er Jahren bewusst ungelernten Gastabeitern angeworben hat. Diese „Gäste“ sind geblieben, haben Familien gegründet und sind häufig zu lediglich geduldeten „Innländern“ geworden. Leider ist auch die nachfolgende Generation nicht ganz angekommen und hat Probleme. Das liegt aber auch an uns. Die Politik hat Jahrzehnte nicht anerkannt, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, das Instrumente zur Integration und klare Regeln für ein gedeihliches Miteinader braucht. Erst seit einigen Jahren gibt es Einbürgerungstests, Sprachtest in den Kindergärten, Förderinstrumente zum Spracherwerb von Kindern und Eltern, und ausgefeilte Konzepte von Land und Kommunen zu einer gelingenden Integration. Ich will, dass wir auf diesem Weg weiter vorankommen.