Frage: Derzeit werden zahlreiche Falschinformationen und Behauptungen rund um die Entwicklung der Impfstoffe gegen COVID-19 verbreitet. Unter anderem stellen sich viele Leute die Frage, wie es sein kann, dass ein Impfstoff in so kurzer Zeit entwickelt wird. Was antworten Sie denen?

Alexander Bauer: Es ist richtig, dass man für die Impfstoffentwicklung bis vor wenigen Jahren noch deutlich länger gebraucht hätte. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) – Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel und damit in Deutschland für Impfstoffe zuständig – hält 15 Jahre im Regelfall für realistisch. Allerdings gibt es auch Fälle, in denen es schneller ging. So dauerte bspw. die Entwicklung des Ebola-Impfstoffes nur vier bis fünf Jahre, weil viele Schritte komprimiert wurden. Bei SARS-CoV-2 konnte die Entwicklung nochmals beschleunigt werden. Ein Grund dafür ist, dass deutlich mehr Geld zur Verfügung stand als bei anderen Impfstoffen, ein anderer, dass die Forschung länderübergreifend vernetzt war und so untereinander von Fortschritten profitieren konnte. Natürlich haben aber auch neue Technologien und Vorarbeiten, die schon geleistet wurden, zur beschleunigten Entwicklung beigetragen: So wurde bereits an Impfstoffen gegen die verwandten Viren SARS und MERS geforscht, die sich seit Anfang des Jahrtausends ausbreiteten.

Wie funktioniert die Zulassung des Impfstoffs?

Bauer: Nach der Entwicklung des Impfstoffes muss er getestet werden, zunächst an Zellen, dann an Mäusen und zuletzt in sogenannten klinischen Studien an Menschen. In der Pandemie gibt es jedoch ein beschleunigtes Zulassungsverfahren, indem einzelne Testphasen miteinander verbunden und die Auswertung der Ergebnisse in den Behörden priorisiert behandelt werden. Im Falle von COVID-19 wird damit gerechnet, dass Anfang nächsten Jahres erste Zulassungen erteilt werden.

Wenn nun ein zugelassener Impfstoff verfügbar ist. Wie geht es bei uns weiter?

Bauer: Zunächst einmal müssen wir feststellen, dass die Impfung von rund 4 Mio. Menschen allein in Hessen eine Mammutaufgabe darstellt, die es in dieser Form noch nie in unserem Land gegeben hat. Dennoch sehen wir uns gut vorbereitet und arbeiten mit Hochdruck daran, die notwendige Infrastruktur zu schaffen. Dabei können wir diese gewaltige Aufgabe nicht ohne die Unterstützung ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer sowie dem medizinischen Personal, das sich ebenfalls freiwillig an dieser Aufgabe beteiligt, bewältigen. Ein besonderer Dank gebührt deshalb den Frauen und Männern der Hilfsorganisationen, des Technischen Hilfswerks und der Bundeswehr. Zudem danken wir unseren Ärztinnen und Ärzten und allen anderen Kräften im Gesundheitssystem und darüber hinaus, ohne deren Einsatz ein derart komplexes Vorhaben nicht zu bewältigen wäre.

Eine der wichtigsten Fragen. Wer wird geimpft, und muss ich mich impfen lassen?

Bauer: Wichtig ist es mir zunächst klarzustellen, dass die Impfung ein freiwilliges Angebot darstellt. Es wird in Deutschland keine Impfpflicht geben. Das hat Gesundheitsminister Spahn erst kürzlich betont. Wir hoffen aber, dass sich möglichst viele Menschen impfen lassen, um die erwünschte „Herdenimmunität“ zu erreichen. Nach Expertenmeinungen braucht es dafür eine Impfquote von ca. 60 %.

Klar ist aber auch, dass wir nicht sofort alle Menschen auf einmal impfen können. Deswegen richten wir unsere Planung an der Nationalen Impfstrategie aus, indem wir zunächst bspw. ältere Menschen oder solche mit Vorerkrankungen impfen lassen, die Mitarbeiter in Krankenhäusern bzw. Pflegeheimen usw. Die genaue Reihenfolge treffen wir dabei nicht alleine, sondern orientieren uns wie alle anderen an den Vorgaben der Bundesregierung sowie an Empfehlungen der Ständigen Impfkommission, des Deutschen Ethikrates und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Wie läuft eine Impfung dann ab?

Bauer: Es ist vorgesehen, dass ca. 30 Impfzentren in Hessen aufgebaut werden. Diese sollen so ausgestattet werden, dass sie an 7 Tagen in der Woche von 7-22 Uhr betrieben werden und jeweils ca. 1.000 Impfungen pro Tag durchführen können. Es wird einen Anmelde- und Aufnahmebereich, Plätze für die vorgeschriebene Beratung durch den Arzt, Einzelkabinen für die Impfung sowie einen Beobachtungsbereich geben, in welchem sich die geimpften Personen unter Aufsicht von medizinischem Fachpersonal bis zum Verlassen des Impfzentrums aufhalten können. Um einen geregelten und strukturierten Ablauf vor Ort zu gewährleisten, wird es Einladungen zu den Impfungen geben, in denen über den genauen Ablauf vor Ort informiert wird. Uns ist es wichtig, dass die Menschen, die sich für eine Impfung entscheiden, bei diesem Prozess umfassend informiert, medizinisch betreut und begleitet werden. Alle Impfzentren sollen nach dem gleichen Muster mit verschiedenen Stationen aufgebaut sein.

Muss ich die Impfung selbst bezahlen?

Bauer: Nein, die Kosten für die Impfung übernimmt der Staat.

Wie lange wird die Impfkampagne dauern?

Bauer: Die Impfungen könnten ─ sofern der Bund ausreichend zugelassenen Impfstoff bereitstellt ─ in Hessen innerhalb von ca. 9 Monaten durchgeführt werden. Natürlich ist allen Beteiligten daran gelegen, schnellstmöglich eine Immunität unserer Bevölkerung herzustellen. Allerdings gilt unsere oberste Priorität einer sicheren und geordneten Behandlung der Bevölkerung. Der Zeitfaktor darf daher nur bedingt eine Rolle spielen. Uns allen muss bewusst sein, dass wir diese gigantische Aufgabe nur gemeinsam, in enger Zusammenarbeit verschiedenster Institutionen, Gremien und Fachgebiete meistern können. Der Impfstoff gibt uns Hoffnung und ist ein Lichtblick in schweren Zeiten. Gleichzeitig müssen wir uns bewusst sein, dass die Infektionszahlen aktuell immer noch viel zu hoch sind. Wir müssen uns deshalb weiterhin solidarisch und diszipliniert an die geltenden Regelungen halten und zwar auch dann, wenn der Impfstoff im Umlauf ist.

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